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Armada gegen Russland

08.06.2019 16:36 Friedensforum Düsseldorf

NATO-Seemanöver in der Ostsee. Kriegsschiffe sammeln sich in Kiel. Grüne bedauern Umweltschäden

Aus: junge WeltAusgabe vom 08.06.2019, Seite 1 / Titel
»Heftig, wie viel aufgefahren wird«

Von Kristian Stemmler
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Es kann losgehen: Das Flaggschiff der spanische Marine, der Flugzeugträger »Juan Carlos I«, beim Einlaufen in den Kieler Hafen am Mittwoch

Dramatische Bilder von Soldaten, die aus Landungsbooten auf den Strand springen, waren in den vergangenen Tagen in vielen deutschen Medien zu sehen. Der »D-Day« vor 75 Jahren, also der Beginn der Landeoperationen alliierter Truppen in der Normandie im Juni 1944, war Thema auf allen Kanälen. Mit salbungsvollen Worten beschworen westliche Staats- und Regierungschefs im südenglischen Portsmouth am Mittwoch den Weltfrieden. Der russische Präsident Wladimir Putin war nicht eingeladen.

Allerdings hätte Putin wegen einer auffälligen Koinzidenz mit der NATO-Manöverplanung auch wenig Anlass gehabt, an der Feier teilzunehmen. Vor Russlands Haustür zeigt sich nämlich gerade einmal mehr, was die Beteuerungen des Westens wert sind. Im Baltikum liefen bzw. laufen in diesen Tagen zwei US-geführte militärische Großübungen an: am vergangenen Sonntag das Manöver »Saber Strike« (Säbelhieb) auf Truppenübungsplätzen in Estland, Lettland, Litauen und Polen und am Pfingstsonntag das Seemanöver »Baltops« in der Ostsee. »Baltops« soll am Sonntag ausgerechnet mit einer amphibischen Landungsoperation auf dem Truppenübungsplatz Putlos an der Hohwachter Bucht beginnen.

An »Saber Strike« sind nach offiziellen Angaben rund 18.000 Soldaten aus 19 Ländern beteiligt. An »Baltops«, dem größten NATO-Seemanöver in diesem Jahr, nehmen 43 Kriegsschiffe aus 22 Ländern, zwei U-Boote, 60 Flugzeuge und 8.600 Soldaten teil, darunter zwei neuartige Tarnkappenkorvetten aus Schweden und der spanische Flugzeugträger »Juan Carlos I«. Heimathafen der imposanten Flotte unter dem Kommando des US-Vizeadmirals Andrew Lewis ist für die Dauer des Manövers Kiel. Dort heißt es, es handele sich um die größte Ansammlung von Kriegsschiffen in einem deutschen Hafen seit 1990.

Die Nachrichtenagentur dpa gab sich keine Mühe, die strategische Stoßrichtung der beiden Großübungen, die bis zum 20. Juni dauern sollen, zu verschleiern. Im Mittelpunkt stehe die Zusammenarbeit der Truppeneinheiten aus NATO-Staaten und »befreundeten Ländern«. Sie seien aber auch als »demonstratives Zeichen der NATO gegenüber Russland« im Ostseeraum und als »Signal der Bündnistreue an die Länder an der NATO-Ostflanke« zu verstehen.

Tobias Pflüger, verteidigungspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Die Linke, äußerte deutliche Kritik. Die Manöver seien eine »klare Drohgebärde gegen Russland«. »Geschichtliche Zusammenhänge spielen keine Rolle mehr«, sagte Pflüger mit Blick auf das »D-Day«-Gedenken. Erstaunlich sei die große Zahl an Truppen und Gerät: »Heftig, wieviel hier aufgefahren wird.« Dass die baltischen Staaten einen Überfall Russlands fürchten müssten, sei »kompletter Unsinn«, der leider von allen anderen im Parteien im Bundestag nachgebetet werde – von der AfD bis zu den Grünen.

Die Positionierung der Ökopartei zu dem Flottenaufmarsch hat es in sich: Sie kritisiert nicht das Manöver an sich, sondern mögliche Umweltschäden. Die Sprengtests auf der Ostsee könnten schwere Auswirkungen auf die Pflanzen- und Tierwelt haben, monierten die Grünen im Kieler Stadtrat. Der zusätzliche Ausstoß von Treibhausgasen durch die Schiffe sei eine Belastung fürs Klima. Tobias Koch, CDU-Fraktionschef im schleswig-holsteinischen Landtag, reichte das schon, um die Grünen als Vaterlandsverräter hinzustellen. Wer so rede, stelle die »Verteidigungs- und Bündnisfähigkeit« Deutschlands in Frage, analysierte er.

 

 

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