Willkommen auf dem Blog vom Friedensforum Düsseldorf

Beschwörung einer hochgerüsteten EU-Angriffsarmee

15.07.2019 18:55 Friedensforum Düsseldorf

Waffenschau in Paris

Aus: junge Welt, vom 15.07.2019, Seite 1
Militarisierung Frankreichs
 
Macron präsentiert sich und sein Land am Nationalfeiertag bereit zum Krieg.
Von Hansgeorg Hermann, Paris
RTX6ZKCJ.jpg
Rechts abgebogen: Macron präsentierte der Welt am Sonntag in Paris seine waffenstarrende Zukunftsvision.

Als der Aufmarsch nach drei Stunden endlich ein Ende hatte und ein Männerchor der Armee die Marseillaise sang, schloss der Präsident genießerisch die Augen, offensichtlich ergriffen von seiner eigenen gewaltigen Waffenschau. Zum Nationalfeiertag hatte Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron am Sonntag auf den Champs-Élysées in Paris diesmal alles in Bewegung gesetzt, was marschieren, fahren, fliegen, ballern und töten kann – Kampfbomber, Panzer, Lafetten, Raketenträger und Hubschrauber. Kreisende Drohnen, Scharfschützen auf dem Triumphbogen – ein 14. Juli, wie ihn die Leute bisher nicht erlebt hatten. Macrons Frankreich, präsentiert als ein komplett militarisiertes Land, bereit zum Krieg und zur Partnerschaft mit dem deutschen Nachbarn in einer europäischen Angriffsarmee.

Auf der Tribüne die politischen Führer des Kontinents, vereint als Brüder und Schwestern im Geiste: Bundeskanzlerin Angela Merkel und NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg, die vergnügt dem glänzend inszenierten, morbiden Karneval applaudierten, und ein Macron, der seine uniformierten Sängerknaben Charles Trenets 1943, mitten im Weltkrieg, komponiertes Lied vom »süßen Frankreich« trällern lässt. Ein Chanson wie Honig: »Land meiner Kindheit, meiner zarten Sorglosigkeit«.

An Nationalfeiertagen wird selten geredet auf der Bühne mitten im Herzen der Hauptstadt. Unter dem Obelisken auf der Place de la Concorde, dem Platz der Eintracht, wird am 14. Juli von jeher Symbolisches aufgeführt. In den Jahrzehnten nach dem vorerst letzten sogenannten Weltkrieg ähnelten die großen Defilees eher einem bunten Zug historischer und neuzeitlicher Uniformen, einem bisweilen wirren Durcheinander von Standarten, glänzenden Helmen und trampelnden Rössern der Republikanischen Garde, als einer Demonstration militärischer Potenz. Und als Macrons sozialdemokratischer Vorgänger François Hollande 2012 an seinem ersten Nationalfeiertag als Präsident auf den fürchterlich anzuschauenden, offenen Kommandowagen stieg, um die Champs-Élysées hinunterzufahren, zeigten die Tageszeitungen am anderen Tag einen Staatschef im strömenden Regen. Eine Spottlawine ergoss sich über den Amtsinhaber, der offenbar nicht nur die Contenance verloren, sondern vor allem seinen Regenschirm vergessen hatte.

Unter Macron wurde der Vorbeimarsch zur waffenstarrenden Heeresschau, die im vergangenen Jahr einen mächtigen Kollegen, US-Präsident Donald Trump, begeisterte. Vor zehn Tagen bescherte dieser seinen Landsleuten eine verschwenderische, viel zu teure Kopie des französischen Spektakels. Bei Macron und seiner Armeeministerin Florence Parly geriet die obligatorische Straßenparade zur Reminiszenz an die blutigen Schlachten ehemals verfeindeter Kolonialherren. In die neuen imperialistischen Kriege im Nahen und Mittleren Osten, in Zentralafrika und der Sahelzone – das ist die aktuelle Botschaft an die Welt – marschieren Deutsche und Franzosen heute zusammen. Die in Paris vorgeführten, gemeinsam entwickelten Angriffswaffen zeigten das im Detail. Dass sich Merkel und Macron die deutsche Soldatenbraut Ursula von der Leyen als nächste Galionsfigur der Europäischen Kommission ausbaldowert haben, passt zum Plan – und auch zu den Versen, die ein schneidiger Offizier der kriegerisch gestimmten Festgesellschaft vortrug: »Unser Körper und unser Leben, dem Vaterland übergeben.«

Zurück