Willkommen auf dem Blog vom Friedensforum Düsseldorf

Die Russland-Zerleger

06.12.2018 10:08 Friedensforum Düsseldorf

Jörg Kronauers Buch über Geschichte und Gegenwart deutscher und westlicher Russland-Politik

Aus: Ausgabe vom 07.05.2018, Seite 15 / Politisches Buch

Von Arnold Schölzel
RTX184XM.jpg
Ein Langzeitprojekt zur Schwächung Moskaus: Der ukrainische Nationalismus (Regierungsgegner in Kiew, Februar 2014)

Jörg Kronauer: Meinst Du, die Russen wollen Krieg? Russland, der Westen und der zweite Kalte Krieg. Papyrossa Verlag, Köln 2018, 207 Seiten, 14,90 Euro.

Der Autor stellt sein Buch am Mittwoch, dem 9. Mai, um 19 Uhr in der jW-Ladengalerie vor (Torstr. 6, Berlin)

Der studierte Theologe Paul Rohrbach (1869–1956) war vor allem als politischer Publizist tätig. Von 1900 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges 1918 gehörte er zu den einflussreichsten Autoren auf dem Gebiet von Kolonial- und Außenpolitik des deutschen Kaiserreichs. Seine Spezialität war ein »ethischer Imperialismus«, was im Klartext hieß: Nationalismus, protestantisch gefärbter Kulturchauvinismus und Rassismus. 1912 hieß es bei ihm: »Neger, Kanaken und Chinesen zu nützlichen Menschen erziehen«.

Ab 1914 arbeitete Rohrbach in einer Dienststelle des Auswärtigen Amtes und befasste sich vor allem mit dem Kriegsgegner Russland. Jörg Kronauer schreibt in seinem Buch »Meinst Du, die Russen wollen Krieg? Russland, der Westen und der zweite Kalte Krieg«, Rohrbach habe dabei die Nationalbewegungen etwa im Baltikum, in der Ukraine und in Georgien in den Blick genommen und gefordert, »das Zarenreich müsse ›in seine innerlich nicht zusammengewachsenen historisch-geographischen Bestandteile zerlegt‹ und anschließend durch ›ein osteuropäisches Staatensystem‹ ersetzt werden«. Nur wenn Russland stark verkleinert werde, könnten Deutschland und die abendländische Kultur »Ruhe und Sicherheit vor Russland erhoffen«. Rohrbach fand dafür das Bild einer Orange: Wie diese »aus einzelnen leicht voneinander lösbaren Teilen« bestehe, »so das russische Reich aus seinen verschiedenen Gebietsteilen«. Das Konzept wurde rasch verwirklicht: Berlin wünschte sich »Pufferstaaten« wie Polen und Ukraine, also wurden ab April 1915 z. B. »Ukrainerlager« eingerichtet, in denen Kriegsgefangene nationalistisch präpariert wurden.

Nach der Lektüre von Kronauers Buch lässt sich das Resümee ziehen: Geändert hat sich seit Rohrbachs Zeiten wenig. Das Konzept zur Zerlegung Russlands wurde nach dem Untergang der Sowjetunion von NATO und EU zu einem großen Teil verwirklicht. Das reicht dem Westen allerdings nicht, der Appetit kam beim Essen. Das vierte und abschließende Kapitel seines Buches beginnt der Autor mit folgender Zusammenfassung: »Deutschland, seit 1990 gewaltig erstarkt, hatte Kurs auf eine neue Runde seiner Expansion nach Osten genommen und hielt um jeden Preis daran fest. Die Vereinigten Staaten waren trotz erster Rückschläge weiterhin bemüht, sich im unmittelbaren russischen Einflussgebiet festzusetzen. Russland wiederum, im Prozess der Konsolidierung begriffen, ließ keinerlei Neigung erkennen, sich von den westlichen Mächten immer weiter schwächen zu lassen. Den Funken an die Lunte gelegt haben schließlich Berlin und Washington, als sie im November 2013 alles auf eine Karte setzten, um die Ukraine durch einen Umsturz in Kiew aus ihrer bisherigen Mittelstellung zwischen Ost und West nun komplett auf ihre Seite zu ziehen.« Die daraus resultierende »Eskalation der Spannungen« nennt Kronauer »den neuen Kalten Krieg«.

Und der hat es ebenso in sich wie der alte. Im ersten Kapitel, in dem Kronauer Kontinuitäten deutscher Russland-Politik seit dem Ersten Weltkrieg herausarbeitet, insbesondere das Schwanken der deutschen Bourgeoisie zwischen Kooperation und Aggression, schreibt er, der (erste) Kalte Krieg sei »in der Bundesrepublik nie nur als Systemkampf, sondern stets auch als Kampf zur Zerschlagung des sowjetischen, zuvor russischen Staatsgebiets geführt worden«. Das sei nach dem Ende der DDR rasch geschehen, danach habe sich die deutsche Außenpolitik darauf konzentriert, die »Positionsgewinne der 1990er Jahre zu konsolidieren«. Sie förderte aber zugleich weitere Umsturzversuche, etwa in Belarus. Schwerpunkt der US-Politik (2. Kapitel) gegenüber Russland sei dagegen gewesen, dessen Schwäche gezielt zum Ausbau »US-amerikanischer bzw. transatlantischer Machtpositionen« zu nutzen. Leitend war dabei die Einschätzung des US-Sicherheitsexperten Zbig niew Brzezinski (1928–2017), nur ein Russland, das die Kontrolle über die Ukraine behalten hätte, habe eine Chance, wieder »Anführer eines durchsetzungsfähigen europäischen Imperiums« zu werden. Laut Kronauer verband Russland dagegen innere Konsolidierung und äußere Stabilisierung (3. Kapitel), etwa durch neue Allianzen mit China und anderen asiatischen Staaten. Der Autor entlarvt nebenbei einige Mythen der westlichen Propaganda über finstere Gurus, denen Wladimir Putin angeblich bei seiner »eurasischen« Politik folgt. Der neue, vom Westen angezettelte Kalte Krieg, der nach Rohrbachschem Muster mit »Sanktionen, Aufrüstung, Subversion« geführt wird, habe einen russischen »Gegenschlag« hervorgerufen. Das Eingreifen Moskaus in den syrischen Krieg sei dabei »der erste große Durchbruch« gewesen. Seine Bemühungen um eine »Partnerschaft« mit dem Westen habe es aufgegeben. Ein Ausweg, so Kronauer, könne gemeinsame Abrüstung sein, der Westen aber habe daran kein Interesse.

 
 

Zurück